Hoffnung

Posted by on Jan 13, 2015 in Firlefanz | One Comment

Abends irrte ich auf dem Bahnhof umher und hielt Ausschau nach ihr. Tausende von Menschen hetzten an mir vorbei auf dem Weg zum Zug. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, sie heute Abend zu sehen.

Vor ein paar Tagen hatte ich sie auf einer Ausstellung getroffen. Wir kannten uns mehr oder weniger vom Sehen, hatten wir doch ein Jahr zuvor ein paar Worte auf einer anderen Ausstellung gewechselt. Ich bin Fotograf… Seit jenem Tag dachte ich zwischendurch immer mal an sie. Ob ich wollte oder nicht, sie ging mir nicht aus dem Kopf.

Sie unterhielt sich mit einem unangenehmen Typen, der zu laut lachte und ihr scheinbar Komplimente machte. Sie blieb zurückhaltend freundlich, doch es war unverkennbar; dieser Typ nervte sie. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und ging auf sie zu. Sie bemerkte mich sofort, was mich ein wenig verwunderte. „Sie waren vor einem Jahr auch hier – Hallo“, sagte sie zu mir, „sie fanden meine Frisur so lustig“. Sprachlosigkeit übermannte mich, in meinen Schläfen pulsierte es, mein Gesicht fühlte sich plötzlich so heiß an. Sie sah mich freundlich lächelnd mit ihren wasserblauen Augen an.

Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten fand ich meine Sprache wieder. Und: Wir verabredeten uns zum Mittagessen. Dafür musste ich meine Freundin versetzen – es war mir egal. „Peter, wie schön, dass wir uns getroffen haben, du bereicherst meine Ausstellungstage so ungemein. Sehen wir uns in den nächsten Tagen noch einmal?“ Ich wusste es nicht, ich hatte einiges zu tun. Wir tauschten unsere Nummern. Spontaneität war so gar nicht meine Stärke. Ich hasste mich dafür.

Ich wollte ihr schreiben, doch ich war zu gehemmt. An diesem Abend würde sie in den Zug steigen und vielleicht für immer aus meinem Leben verschwinden. Ich musste sie wiedersehen.

Abends irrte ich auf dem Bahnhof umher und hielt Ausschau nach ihr. Tausende von Menschen hetzten an mir vorbei auf dem Weg zum Zug. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, sie heute Abend zu sehen und machte mich auf den Heimweg. Unendliche Traurigkeit hatte von mir Besitz ergriffen. Plötzlich packte mich jemand am Arm: „Peter, Mensch, was machst denn du hier?“ „Äähh, ja, ich hab einen Freund zum Zug gebracht.“ Sie musterte mich von oben bis unten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mir nicht glaubte. „Mit deiner kompletten Ausrüstung auf dem Rücken?“ grinste sie mich an. „Ich komme gerade vom Set“ war das einzige, was mir noch einfiel. Ich ergriff ihre Hand: „Komm, ich bring dich zum Zug“. Und so schlenderten wir gemeinsam zum Gleis. Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen. Ich wollte sie fotografieren – und noch mehr. Sie übte eine ungeheure Anziehungskraft auf mich aus. „Peter, warum kommst du nicht mit? Ich habe die nächsten Tage frei?“ Ja, warum eigentlich nicht? Spontaneität war so gar nicht meine Stärke. Und ich hasste mich dafür.

Jetzt gehe ich nach Hause. Mit dem Gefühl, die Frau meines Lebens ziehen lassen zu haben. Ich spüre immer noch ihre Umarmung. Ich spüre das unbändige Verlangen, sofort zu ihr zu fahren, sie bei mir zu haben, sie zu beschützen.

Doch alles was bleibt ist das HIER, meine Freundin, mein Job, die Tage ohne Höhen und Tiefen, das Leben, das dahinplätschert und mich nicht mitnimmt, weil ich es nicht geschehen lassen kann.

1 Comment

  1. Jürgen
    Januar 13, 2015

    Wer weiß schon, welche Menschen alle heimlich ineinander verliebt sind und es voreinander verschweigen, damit das Leben geordnet bleibt.